Komponieren in dunkler Zeit.
Sechs Portraitkonzerte im Kleinen Sendesaal des WDR


In der Zeit vom 28.10. bis 15.11.1996 fanden im Kleinen Sendesaal des WDR sechs Portraitkonzerte statt. Die Aufzeichnungen der Konzerte wurden im Februar und März 1997 im Rundfunk ausgestrahlt.

Die im folgenden verwendeten Texte von Herrn Prof. Dr. Volker Scherliess (Einleitung, Werkkomentare) werden unverändert, jedoch anders gesetzt mit seiner freundlichen Genehmigung wiedergegeben und unterliegen dem Eigentum (Copyright) des Autors.

Herausgegeben wurde die Broschüre vom
Westdeutschen Rundfunk Köln, Oktober 1996
Redaktion:   Bernhard Wallerius
Mitarbeiter:  Sylvia Hauboldt, Dirk Lötfering
Gestaltung: Mohr Desighn, Köln



Vorwort
Zwei Weltkriege und die Nazi-Katastrophe, damit verbunden ästhetische Wandlungen von revolutionärem Charakter: die Komponistengeneration der um 1900 Geborenen hatte zur Entfaltung ihrer Wirkung extrem ungünstige Bedingungen.
War sie es, die nach dem ersten Weltkrieg Pathos und Sentimentalität des 19. Jahrhunderts auf dem Feld der Ästhetik bekämpft hatte, so wurde sie ihrerseits Opfer viel radikaleren ästhetischen Wandels nach dem zweiten Weltkrieg.
Die damals 50jährigen sahen sich Parolen gegenüber wie »Die Tonalen müssen vernichtet werden« (Pousseur) oder, etwas später: »Sprengt die Opernhäuser in die Luft« (Boulez).

Für die europäische Musikgeschichte bedeutet dies, daß die Werke der Komponisten dieser Generation nur zu einem kleinen Bruchteil bekannt sind; das Lebenswerk mancher zu ihrer Zeit beachteter Persönlichkeiten ist dem völligen Vergessen anheim gefallen. Die Erfahrung mit zufällig wiederentdeckten Werken zeigt, daß dies nicht immer mit der Qualität der Werke zu tun hat, zumal, wenn man dem Glauben an den zwangsläufigen historischen Fortschritt ästhetischen Materials mit Skepsis gegenüber steht.

Die Konzertreihe soll helfen, Erfahrungen mit unbekannten Werken zu verdichten und stellt sechs Persönlichkeiten vor, die alle in einer bestimmten Beziehung zum Nazismus gestanden haben.
Hermann Unger und Richard Trunk haben sich dem nationalsozialistischen Staat als Kulturfunktionäre zur Verfügung gestellt. Ästhetisch und als Komponisten standen sie in Traditionen, die durch Namen wie Reger und Strauss zur Anerkennung gelangt sind.
Philipp Jarnach und Eduard Erdmann gehörten zum Typ des »inneren Emigranten« der sich ganz auf seine Profession zurückzieht und sich apolitisch wähnt.
Ernst Toch und Ignace Strasfogel gehören zu den Verfolgten und sind in die USA emigriert.
Die vier erstgenannten haben übrigens alle zumindest zeitweise in Köln gelebt.

Wie unterscheiden sich ihre Kompositionsweisen? Haben die äußeren Schicksale ästhetische Folgen gehabt? Gibt es Werke, die für das Konzertrepertoire, aber auch für das eines Klassiksenders zu reklamieren sind?
In Portraitkonzerten, die Werke der genannten Komponisten aus unterschiedlichen biographischen Stadien vorstellen, wird diesen Fragen nachgegangen.
Veranstaltungsort ist der Kleine Sendesaal, um gegebenenfalls auch Gespräche mit dem Publikum zu ermöglichen. Die Komponisten werden in diesem Programmbuch durch spezialisierte Autoren vorgestellt.